Metabolische Äquivalente

Metabolische Äquivalente

Prämed-Ambulanz. Eine ältere Dame betritt das Zimmer und der erste Gedanke ist: “Huch, ein Wunder, dass Sie es noch den Flur runter geschafft hat!“.
Im Gespräch kommt dann zwangsweise irgendwann die Frage: „Frau Müller, wie viele Stockwerke schaffen Sie denn noch?“. Und häufig erhält man dann eine wenig zielführende Antwort wie: “Gar nicht, ich wohne doch ebenerdig!“ oder “Mit dem Aufzug komme ich bei mir bis in den 4. Stock!“.

Wie oft ich Patienten am Beginn meiner Karriere diese Frage gestellt habe. Ohne so richtig zu wissen wieso eigentlich. “Zwei Stockwerke!“ wollte ich hören, dann war ich irgendwie zufrieden. Hab ich mal so gehört.

Doch woher kommt das eigentlich? Und sind MET nicht eigentlich Notfallteams?

Ein bisschen Leistungsphysiologie

Die Frage, die wir uns immer Stellen ist eigentlich ja die folgende: Wie hoch ist das individuelle Narkoserisiko. Dabei gibt es zwei Variablen: Den Patienten und den Eingriff. Bei letzterem können wir “nicht viel machen“ (Höchstens Zeiten, Blutverlust, etc. optimieren, aber darum soll es hier heute nicht gehen). Ein großer Anteil des Narkoserisikos ergibt sich aus dem kardialen Risiko. Aber wie stratifizieren wir jetzt die Leistungsfähigkeit der Dame, die gerade vor uns sitzt? Ab aufs Ergometer und warten, bis sie die Fragen nicht mehr beantworten kann?

Ein wichtiger Startpunkt ist der Sauerstoff- beziehungsweise Energiebedarf unseres Organismus. Dieser ist sicherlich von Person, Alter und Geschlecht abhängig, allerdings gibt uns der “Durchschnittswert“ einen guten Anhalt. Doch wie berechnet man das Ganze?

Da die Frau nun ja offensichtlich ohne externe Hilfe vor uns sitzt, scheint ihr Körper in Ruhe den Bedarf selber decken zu können.

Die RMR bezeichnet den Ruheumsatz (rest metabolic rate) und berechnet sich wie folgt:​1​

$RMR_v ≈ 3,5\frac{mL}{min⋅kg}m$
Hierbei berechnen wir die RMR anhand des Sauerstoffumsatzes, wobei m das Körpergewicht in kg entspricht.

Alternativ lässt sich die RMR auch über den Energieumsatz berechnen​1​
$RMR_p ≈ 1,0\frac{kcal}{h⋅kg}m$ oder mit SI Einheit $≈ 1,163\frac{W}{kg}m$

Der Grundumsatz in Ruhe entspricht also 3,5mL $O_2$ / kgKG / Minute. Aber wo ist jetzt das MET?

Das MET (metabolic equivalent of task) beschreibt das Verhältnis zwischen Arbeitsumsatz und Ruheumsatz. Ein MET ist eine dimensionslose Zahl!​1​

$MET = \frac{WMR}{RMR}$

Die WMR (work-metabolic-rate) ist hierbei ein entsprechend Vielfaches der RMR.

Wow. Jetzt haben wir was berechnet. Super. Und jetzt?

Eine ausreichende Belastbarkeit für eine Narkose wird mit > 4MET (entsprechend > 100W) angegeben.​2,3​
Die dafür zugrunde gelegten 4 MET für “ausreichende Belastbarkeit“, sind jedoch zumindest strittig und sollten eventuell etwas höher angesetzt sein.​4​
Zwar ist eine ausreichende Belastbarkeit ein guter Prädiktor für ein positives postoperatives Outcome, gleichzeitig muss man darauf hinweisen, dass außerhalb kardiochirurgischer Eingriffe eine schlechte Belastbarkeit nur schwach mit erhöhter Mortalität korreliert.​5​

Metabolische Äquivalente verschiedener Tätigkeiten

In der ursprünglichen Publikation von 1993 finden wir eine Seitenlange Übersicht über verschiedene Aktivitäten und deren “Äquivalent“.​1​
(Ganz lustig durchzulesen, aber folgendes ist vermutlich etwas aktueller und besser evaluiert!)

AktivitätMET
Gehen (langsam)2​6​
Gehen (4,8km/h)3​6​
Boden wischen, Staubsaugen3-3,5​6​
Treppensteigen, zwei Etagen4​3​
Tennisdoppel5​6​
Fahrradfahren in der Ebene (16-19km/h)6​6​
Basketball8​6​
Schwimmen (moderat bis schwer)8-11​6​
Joggen (9km/h)8,8​7​
Seilspringen (66/Minute)9,8​7​
Fußballspielen10,8​7​

„Sexuelle Aktivität“ wird – allerdings nur bei 22jährigen, und die machen uns nunmal eben selten Sorgen! – mit 5,8 MET angegeben.​8​ Aber das nur Nebenbei ;-)!

Fazit

“Können Sie zwei Etagen Treppensteigen?“ – So blöd diese Frage auf den ersten Blick klingen mag, so wichtig kann sie jedoch sein. Können unsere Patienten 4 MET erreichen, so sinkt unsere Sorge; Zumindest wenn es um die Belastbarkeit und nicht-kardiochirurgische Elektiveingriffe geht​2​.

Aber Achtung: Die körperliche Belastbarkeit darf niemals als alleiniger Marker für das Narkoserisiko gesehen werden. Sie ist wie immer: Nur einer von vielen Pfeilen in unserem Köcher.

  1. 1.
    AINSWORTH BE, HASKELL WL, LEON AS, et al. Compendium of Physical Activities: classification of energy costs of human physical activities. Medicine & Science in Sports & Exercise. Published online January 1993:71-80. doi:10.1249/00005768-199301000-00011
  2. 2.
    Geldner G. perative Evaluation erwachsener Patienten vor elektiven, nicht herz-thoraxchirurgischen Eingriffen. DGAI. Published 2017. Accessed 2022. https://www.dgai.de/alle-docman-dokumente/entschliessungen-vereinbarungen/672-praeoperative-evaluation-erwachsener-patienten-vor-elektiven-nicht-herz-thoraxchirurgischen-eingriffen/file.html
  3. 3.
    Poldermans D, Bax JJ, et al. Guidelines for pre-operative cardiac risk assessment and perioperative cardiac management in non-cardiac surgery. European Heart Journal. Published online August 27, 2009:2769-2812. doi:10.1093/eurheartj/ehp337
  4. 4.
    Mendes M de A, da Silva I, Ramires V, et al. Metabolic equivalent of task (METs) thresholds as an indicator of physical activity intensity. Zagatto AM, ed. PLoS ONE. Published online July 19, 2018:e0200701. doi:10.1371/journal.pone.0200701
  5. 5.
    Wiklund R, Stein H, Rosenbaum S. Activities of daily living and cardiovascular complications following elective, noncardiac surgery. Yale J Biol Med. 2001;74(2):75-87. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11393264
  6. 6.
    Physical Activity and Public Health. Circulation. Published online August 28, 2007:1081-1093. doi:10.1161/circulationaha.107.185649
  7. 7.
    Jetté M, Sidney K, Blümchen G. Metabolic equivalents (METS) in exercise testing, exercise prescription, and evaluation of functional capacity. Clin Cardiol. Published online August 1990:555-565. doi:10.1002/clc.4960130809
  8. 8.
    Frappier J, Toupin I, Levy JJ, Aubertin-Leheudre M, Karelis AD. Energy Expenditure during Sexual Activity in Young Healthy Couples. Earnest CP, ed. PLoS ONE. Published online October 24, 2013:e79342. doi:10.1371/journal.pone.0079342

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